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Das „Epizentrum” der beliebten Harpstedter Dorfdisco „Zum Sonnenstein”: Über der Tanzfläche glitzterte die Discokugel und von unten strahlten quietschbunte Lichter. Fotos: Westerkamp

Am Samstag ging’s zum Feiern in die Dorfdisco. So ging es vielen von uns „auf dem Land“. Wer in Erinnerungen an seine stürmische Jugendzeit schwelgen möchte, kann dies jetzt wieder im Museumsdorf tun. Die über Jahrzehnte in Harpstedt beheimatete Landdiscothek „Zum Sonnenstein” ist dort seit 2018 wortwörtlich Stein für Stein wieder aufgebaut worden. Jetzt sind die Türen für Museumsbesucher wieder geöffnet. Es lohnt sich. Doch wie war das eigentlich Ende der 80er im „Stein”? Ich weiß es noch genau: Denn ich war dabei…

Von Thomas Kaiser

Cloppenburg/Harpstedt.
„Sunday bloody Sunday“ dröhnt es aus den wuchtigen schwarzen Boxen. Die Meute grölt den U2-Song, in dem Bono den Nordirland-Konflikt anprangert, lauthals mit. Die Tanzfläche im „Stein” glüht. Wortwörtlich. Bunte Lichter bringen den Boden der schummrigen Dorf-Disco von unten grell zum Leuchten. Viele der milchigen Glasplatten sind abgenutzt, haben Risse oder flackern nur kurz immer wieder mal auf. So wie bei einem drohenden Kurzschluss. Eigentlich kein Wunder. Denn die Leute hüpfen und stampfen schon zum nächsten Kulthit – „Like The Way I do” von Melissa Etheridge.
Ich habe viele Samstagabende (und frühe Sonntagmorgen) meiner Jugend im „Stein” erlebt. Dazu kamen auch noch einige Mittwoch-Nächte, wenn es der Stundenplan, die Berufsausbildung oder später der Wehrdienst bei der Bundeswehr zuließen. 1988, ich war 17 Jahre alt, fuhr ich das erste Mal mit einem Kumpel, der bereits einen Führerschein hatte, die 10 Kilometer von Wildeshausen ins benachbarte Harpstedt. Endlich raus. In Wildeshausen gab’s lange Jahre nur das „Sir George”. Später hieß der Laden dann „Tüt-Ei”. Das fanden nicht alle witzig. Und dann gab es da noch das „Pinguin”, ein kleiner dunkler Club, in dem vor allem die Fans von Wave, Punk und Gothic abhingen. Da traute sich auch nicht jeder rein.

Die urige Landdisco war einfach Kult

Der „Stein” dagegen – niemand sagte „Zum Sonnenstein” – war einfach Kult. Eine urige Landdisco, in der ganze Generationen gefeiert hatten. Das Publikum war bunt gemischt. Junge und auch Ältere. Keiner wurde schief angeschaut. Jeder kannte jeden. Aus der Schule, aus dem Verein, von der Arbeit. Deshalb fielen auch die Großstädter aus Bremen meist schnell auf, die sich manchmal hierher aufs Land verirrten und auf „Schicki-Micki” machten.

Sofort rein ins Vergnügen stürzte sich kaum einer. Manche „glühten” schnell noch einmal auf dem Schotterparkplatz vor. Zwischen giftgrünen Golf, Kadett C oder – was viel häufiger vorkam – Papas Karre. Viele Cliquen trafen sich vor dem Eingang. Erstmal eine Runde quatschen. Drinnen ging es dann schurstracks durch den vorderen Bistro-Bereich in die eigentliche Disco nach hinten. Meist war es da schon um 21 Uhr proppenvoll. Denn dann war „Happy Hour”. Zwei Getränke zum Preis von einem!
An der Theke herrschte also zu Beginn Ansturm und auf der Tanzfläche (noch) gähnende Leere. Das änderte sich aber meist schnell, denn der DJ, der etwas erhöht in einer Art Kabine hinter seinen Plattentellern und später dem CD-Spieler thronte, wusste, wie er die Leute zum Abfeiern bringen konnte. Neben angesagten Charthits, Rock-Klassikern und NDW (Neue Deutsche Welle) waren das Anfang der 90er Grunge und ein wenig Techno.

Schrille Klamotten gehört zur Disco-Ära dazu:Klaus und Gunda Sengstake betrieben den ”Stein” von 1973 bis 2008.

So wechselten sich dann auch munter ACDC, Nena, Rage Against The Machine, Prodigy oder Dr. Alban in der Playlist ab. Niemand fand das komisch.Wer dabei nicht „abhottete”, stand zumindest cool mit dem Kopf nickend an der Holz-Absperrung der Tanzfläche, die ein wenig wie ein klappriger Jäger-Zaun aussah.

Volles Haus, „Disco-Nebel” und Schwarzlicht

Im „Stein” war es eigentlich immer eng und voll. Nicht nur zur zweiten ”Happy Hour” um Mitternacht an den Theken. Das Vorankommen war Schwerstarbeit. Manchmal auch, weil der Boden von so manchem verschütteten „Charly” (Cola/Weinbrand) derbe klebte. Wer aufs Klo musste, brauchte einen guten Fluchtweg, um sich den Weg frühzeitig durch die Masse zu bahnen. Es war laut. Und es war stickig. Disco-Nebel war überflüssig. Dichter Zigaretten-Rauch waberte durch den Raum. Viele hielten sich krampfhaft an ihren Glimmstängeln und den Bierchen fest. Meine Mutter merkte am nächsten Tag am Tabak-Geruch der Klamotten in der Wäschetrommel immer sofort, dass ich mal wieder im Stein gewesen war.
Wer eine Erholungs-Pause brauchte, ließ Discokugel-Geglitzer, Strobo-Blitze und Schwarzlicht kurz hinter sich und ging an Klaus’ Theke in den Bistro-Bereich. Hier bestellte so mancher ein leckeres Baguette für den Heimweg – oder einen Absacker. Viele Stammgäste hatten hier nämlich eine eigens mit ihrem Namen beschrifte Flasche deponiert. Die zauberte Klaus Sengstake, der den „Stein” gemeinsam mit seiner Frau Gunda von 1973 bis 2008 betrieb, dann hinterm Tresen hervor.

Vom ruhigen Bisto in den rappelvollen Disco-Bus

In den ruhigeren Ecken im Bistro war dann auch wunderbar Gelegenheit, um sich wortwörtlich näher zu kommen. So mancher verstand erst hier erstmals den Namen der oder des Angebetenen, weil es hinten in der Disco schlicht zu laut und viele vom Geschreie schon heiser waren. Oft war die Zeit fürs Kennenlernen viel zu kurz, stand doch schon der Disco-Bus, einer der ersten in der Region überhaupt, zur Abfahrt um 1.15 oder 3.15 Uhr vor der Tür bereit. Der war auch immer rappelvoll und hielt wortwörtlich an jeder Milchkanne auf der Tour über die Dörfer.
Für mich war Mitte der 90er Zapfenstreich im Stein. Dorf-Disco war von heute auf morgen uncool, Großraum-Disco war jetzt angesagt. Meine Kumpels und ich nahmen längst weite Wege in Kauf, zum Beispiel ins Capitol nach Oythen (ist 2012 abgebrannt), ins „Airport” nach Diepholz oder auch ins damalige „Life” nach Cloppenburg (heute das Bel Air). Mit der Clique ging’s auch mal ins „Aladin” nach Bremen, das war dann aber musikalisches Kontrastprogramm der härteren Sorte. Da war man plötzlich erwachsen.

Längst ist das Geschichte. Wie der Stein, der zuletzt 15 Jahre geschlossen war. Vielen ging das sprichwörtlich an die Nieren, ihre Disco verfallen zu sehen. Die Harpstedter Politiker debattierten oft über den Abriss und einer neuen Nutzung der Fläche.
Umso mehr freuen sich viele Menschen im Landkreis Oldenburg über den Neuanfang jetzt im Museumsdorf in Cloppenburg. Die Spannung ist groß, ob drinnen tatsächlich alles an seinem alten Platz steht. Ich auch, denn ich erinnere mich gerne an die Zeit in dieser besonderen Land-Disco zurück. Ich nehme sicher bei der nächsten Führung meinen Junior mit und schwelge in Erinnerungen. Und vielleicht schreien Nirvana dann auch noch einmal aus den dicken Boxen ihr „Smells like Teen Spirit” heraus.

• Hier geht es zu unserem Bericht über die Wieder-Eröffnungsfeier im Museumsdorf und zu der Foto-Galerie

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