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Foto: Diogenes-Verlag

Im Roman „Das Damengambit” von Walter Tevis, der die Buchvorlage für die gleichnamige Netflix-Serie ist, geht es um die talentierte Schachspielerin Beth Harmon.

Schon im Alter von acht Jahren lernt Beth die harten Seiten des Lebens kennen: Ihre Mutter stirbt bei einem Autounfall. Weil der Vater des jungen Mädchens bereits früh das Weite gesucht hat, war die Mutter Beth einzige Vertraute. Nach deren Ableben, landet Beth in Methuen: Einem Waisenhaus, in dem die Kinder mit Pillen ruhig gestellt werden. Als sie den Hausmeister der Anstalt eines Tages beim Schachspielen beobachtet, ist es um Beth geschehen. Fortan ist das Mädchen von dem Spiel wie besessen. Ihre ersten Partien gegen den Hausmeister Mr Scheibel verliert sie, doch schon bald hat kaum jemand eine Chance gegen Beth. Schach wird ihr einziger Lichtblick im Waisenhaus. Als Beth im Teenageralter dann von einem Ehepaar mittleren Alters adoptiert wird, bietet sich ihr die Möglichkeit, an Schachwettbewerben teilzunehmen. Einen Namen als „Wunderkind” hat sie sich zu diesem Zeitpunkt bereits gemacht. Schnell wird das Spiel für Beth Segen und Fluch zugleich, denn alles in ihrem Leben dreht sich um Spielzüge, Schachfiguren und den Sieg über jeden ihrer Gegner. Um sich voll und ganz auf Schach konzentrieren zu können, greift die junge Frau häufig zu Tabletten und Alkohol. Stets im Blick: Borgov, einen begnadeten und undurchschaubaren Schachspieler, zu schlagen. Wird Beth ihr Ziel erreichen oder raffen sie die Pillen und der Alkohol vorher dahin?

Ich sollte jetzt wohl erwähnen, dass ich kein Schach spiele. Daher waren manche Passagen in diesem Buch für mich nicht verständlich. Allerdings muss man kein Schach spielen und verstehen, um den Roman zu lieben. Tevis hat mit Beth einen Charakter erschaffen, der ebenso liebenswürdig wie seltsam ist. Beth sind Dinge wie Klamotten, materieller Besitz, aber auch körperliche Zuwendungen, wie Sex, nicht wichtig. Obwohl sie noch nicht einmal 20 ist, hakt sie ihr erstes Mal ab, als ob es nichts sonderlich Großes wäre. Auch Kleidung ist für die junge Frau nichts, was sie definiert. Beth sind Bücher über Schach und Routine wichtig. Kurzum, sie ist kein typisches Mädchen. Dafür weiß sie genau, was sie will und lässt sich von ihren Zielen nicht abbringen. Ich habe Beth gerne auf ihrer Reise begleitet und war keinen Moment von ihr genervt, sondern eher fasziniert. Der Tiefgang der von Tevis erschafften Charaktere ist atemberaubend. Er beschreibt die Personen so glaubhaft, dass man am Ende des Buches das Gefühl hat, die Charaktere wirklich zu kennen, als ob es die eigenen Nachbarn wären. Der Roman hatte für mich keine Tiefpunkte. Vielmehr habe ich ihn verschlungen, weil er mich so süchtig gemacht hat, wie Beth es nach Schach, Tabletten und Alkohol ist.